• Vanessa Stammnitz

30 Stunden Woche – Sinn oder Unsinn?

Aktualisiert: 15. Nov 2019


Weniger Arbeit und mehr Freizeit – das wünschen Sie sich sicher auch. Eine 30 Stunden Woche

könnte die Lösung sein, doch es gibt ebenso viele Befürworter wie Kritiker. Ist das neue

Arbeitszeitmodell sinnvoll und wie können Arbeitnehmer und Unternehmen davon profitieren?

All dies verrate ich Ihnen in diesem Beitrag.


30 Stunden Woche: Steht uns eine Revolution bevor?


Acht Stunden am Tag, 40 Stunden in der Woche und dies fünf Tagen pro Woche. 1956 machte die

Zigarettenindustrie als erste den wichtigen Schritt und vereinbarte tarifvertraglich die 5 Tage

Woche – und damit die bekannten 40 Stunden. Weitere Branchen folgten, wenn auch mit

einigem zeitlichen Abstand. So existiert die 40 Stunden Woche in der Metall- und

Holzverarbeitung seit 1967, im Einzelhandel seit 1971 und in der Landwirtschaft seit 1983.


Der 8 Stunden Tag hingegen begleitet uns schon länger. 1918 wurde endlich Realität, wofür

Arbeiter und Gewerkschaften so lange gekämpft hatten: acht Stunden täglich, bei vollem

Lohnausgleich für alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters.


Und etwas mehr als 100 Jahre später steht uns eine erneute Revolution der Arbeitszeit bevor:

die 30 Stunden Woche. Mehr Zeit für Familie, Erholung und Freizeit: Das klingt nach einem

Arbeitnehmerparadies. Doch profitieren Unternehmen auch davon?


30 Stunden Woche oder die Frage: Wie lange können wir produktiv arbeiten?


Seien Sie ehrlich: Wie lange können Sie fokussiert und produktiv an einer Aufgabe arbeiten? Ich

bin mir sicher, acht Stunden schaffen Sie nicht!

Aber keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Denn schon lange belegen zahlreiche Studien, wie

zum Beispiel die der Standford Universität, dass Arbeitnehmer im Durchschnitt nur drei Stunden

produktiv arbeiten. Die restliche Zeit verbringen wir mit Unterbrechungen wie Meetings und E-

Mails – allerdings auch mit Kaffeepause und Social Media, also nicht unbedingt

arbeitsrelevanten Themen.

Aber entspannter werden wir dadurch nicht. Im Gegenteil: Jeder fünfte Arbeitnehmer hat schon

einmal ein Burnout erlebt. Die Zahl der Belastungserkrankungen, wie Depressionen, nimmt

jedes Jahr rasant zu. Da drängt sich die Frage auf: Geht das nicht auch anders und ist eine 30 Stunden Woche die Lösung?



Neue Anforderungen an die Arbeit – 30 Stunden Woche als Lösung


Nicht nur der gesundheitliche Aspekt wirft Zweifel am 8 Stunden Tag auf. Vor allem jüngere

Arbeitnehmer definieren Arbeit anders – und damit meine ich nicht, dass sie faul sind.


Im Gegenteil: Die sogenannte Generation Y ist gut ausgebildet und hochmotiviert. Doch Geld

allein ist schon lange kein Anreiz mehr. Vielmehr möchten sich die Arbeitnehmer mit den

Werten und Zielen des Unternehmens identifizieren, persönliche Wertschätzung erleben,

Entscheidungen treffen dürfen – und natürlich eine gute Work Life Balance etablieren. Doch wie

viel Energie bleibt noch, wenn man acht oder sogar mehr Stunden pro Tag im Büro verbringt?


30 Stunden Woche im Test: ein Blick nach Schweden


Schon seit Jahren laufen in Schweden Testphasen der 30 Stunden Woche. Die Ergebnisse

scheinen auf den ersten Blick zu überzeugen: Die Mitarbeiter kommen motivierter zur Arbeit,

weil sie in ihrer Freizeit neben Haushalt und Verpflichtungen auch tatsächlich Zeit mit Freunden

und Familie verbringen können.


Auch ist der Krankenstand deutlich gesunken, denn weniger Arbeit bedeutet weniger Stress und

damit einen gesünderen Körper. Die Arbeitnehmer haben mehr Zeit zur Erholung, die dann dem

Unternehmen zugutekommt.


Die positiven Aspekte liegen auf der Hand. Trotzdem werden Kritiker laut. Denn nicht jedes

Unternehmen kann sich eine Reduzierung auf eine 30 Stunden Woche leisten. Krankenhäuser,

Altenpflegeheime, Feuerwehr und Polizei – das sind nur einige Bereich, in denen eine 30

Stunden Woche vor allem mehr Personal bedeutet. Und damit auch deutlich höhere Kosten.


Eine weitere Stressstudie der Universität Stockholm belegt jedoch: Eine 30 Stunden Woche

verursacht zunächst höhere Kosten, wird aber langfristig gesehen Gewinne abwerfen. Denn

erholte und motivierte Mitarbeiter sind konzentrierter, dadurch entstehen deutlich weniger

Fehler und Schäden.


Fachkräftemangel in der IT: Wie kann eine 30 Stunden Woche helfen?


Zufriedene und effiziente Mitarbeiter bedeuten eine bessere Bewältigung des

Arbeitsaufkommens. Aber wie soll das in den sowieso schon oft unterbesetzen IT-Abteilungen

der Unternehmen funktionieren?


Doch hat der Fachkräftemangel wirklich seine Ursache darin, dass es nicht ausreichend gut

ausgebildete Kandidaten gibt?


An dieser Stelle wage ich eine These aufzustellen: 40 Stunden und mehr, oft mit Reisetätigkeiten

über mehrere Tage hinweg, klingt nicht gerade verlockend. Eine 30 Stunden Woche könnte Abhilfe schaffen. Wie schon oben erwähnt: Geld allein ist mittlerweile kein Garant mehr, eine

wichtige Stelle zu besetzen. Ein anderes Arbeitszeitmodell hingegen erhöht definitiv die

Attraktivität des Unternehmens.


Und auch an dieser Stelle lohnt sich ein Blick nach Schweden: Ein Beispiel ist die Göteborger

Uni-Klinik, die durch eine Reduzierung der Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden pro Tag einen

deutlichen Anstieg der Interessenten für offene Stellen nachweisen konnte.


Ein weiterer Bonus der 30 Stunden Woche liegt in der Prozessoptimierung: Nur wer die

täglichen Arbeitsprozesse auf Effektivität prüft, manuelle Tätigkeiten reduziert und den

Arbeitsalltag mit neuen Tools unterstützt, kann in der verringerten Stundenzahl nahezu

gleichbleibende Ergebnisse bekommen. Eine gute Gelegenheit also, um intern einen längst

überfälligen Frühjahrsputz zu machen.


5 Gründe für eine 30 Stunden Woche


Statussymbol Stress – nur wer viel arbeitet, leistet auch viel. Diese Weisheit hält sich vor allem

in deutschen Büros hartnäckig, stimmt aber einfach nicht. Oft wird die hohe Anzahl an

Meetings, Telefonaten und Geschäftsreisen mit Erfolg verwechselt.


Daher kommen nun fünf Gründe, warum eine 30 Stunden Woche echten Erfolg bedeuten kann:


Gesundheit: Kürzere Arbeitszeiten verringern nachweislich den Stresslevel. Durch längere

Arbeitszeiten werden Arbeitnehmer müde, die Konzentration sowie die Achtsamkeit lassen

nach. Wer kürzer arbeitet, tut dies produktiv und konzentriert.


Organisation: Unternehmen mit einer 30 Stunden Woche müssen sich neu organisieren, um

produktiver zu arbeiten. Die Zahl der Meetings wird reduziert, ständige Erreichbarkeit durch E-

Mail und Anrufe begrenzt, interne Kommunikation verbessert. So schafft man in weniger Zeit

die gleiche Arbeit.


Produktivität: Wenn bei einem Blick auf die Uhr nur noch zwei statt vier Stunden den

Arbeitnehmer vom Feierabend trennen, gibt man noch einmal richtig Gas und erledigt Aufgaben

deutlich schneller. Denn die "Belohnung" ist in greifbarer Nähe.

Zufriedenheit: Jobsicherheit und Gehalt sind wichtig. Aber noch wichtiger ist die sogenannte

Work Life Balance. Bessere Arbeitszeitverteilung verbessert auch die Lebensqualität, weil Zeit

für den benötigten Ausgleich bleibt. Und zufriedene Mitarbeiter kommen gerne und motiviert

ins Büro.


Kreativität: Die besten Ideen bekommen Sie selten am Schreibtisch. Ein Spaziergang an der

frischen Luft oder eine Runde Sport helfen eher. Wer mehr Zeit für sich und einen Ausgleich zum Büroalltag hat, arbeitet kreativer.




30 Stunden Woche – ich bin überzeugt!


Als Personalberaterin finde ich das Thema 30 Stunden Woche besonders spannend.

Meine Meinung: Ja, Unternehmen erhöhen durch eine 30 Stunden Woche definitiv ihre

Attraktivität und können mehr Kandidaten für sich interessieren. Auch das Überdenken der oft

seit Jahren eingespielten Arbeitsprozesse ist ein wichtiger Schritt, sich produktiv

weiterzuentwickeln.


Und ja, zufriedene Mitarbeiter sind bessere Mitarbeiter: Wer abends mehr Zeit für Alltag,

Familie und Ausgleich hat, kommt morgens erholt ins Büro und freut sich auf die kommenden

sechs Stunden.


Ich denke, eine 30 Stunden Woche wird sich trotz der etwas höheren Anfangskosten, die in

mehr Personal und gegebenenfalls neue Tools zur Produktivitätsunterstützung investiert

werden müssen, sehr schnell als Win-Win-Situation für alle herausstellen.

Daher habe auch ich mich für eine 30 Stunden Woche entschieden. Meine Mitarbeiter freuen

sich auf einen 6 Stunden Tag, powern richtig durch und gehen zufrieden in den Feierabend. Ich möchte definitiv nicht zum alten Modell zurück!


Doch noch gibt es leider wenige Unternehmen in Deutschland, die einen Versuch in diese

Richtung starten. Trotzdem können auch Sie Ihren Traumarbeitgeber finden – ich kann Ihnen

dabei gerne helfen. Kontaktieren Sie mich!


Nun sind Sie gefragt: Wie ist Ihre Meinung zur 30 Stunden Arbeitswoche? Sehen Sie Potenzial

oder glauben Sie, dass eine Umsetzung in Deutschland nicht möglich ist?

Ich freue mich auf eine Diskussion mit Ihnen!